Vier Wochen Sonne, Strand und Neapel

Eine Fahrradreise mit Kind und Anhänger durch Süditalien

Kälte und ein mulmiges Gefühl begleiten uns auf dem Weg zum Flughafen: Fahrrad-Anhänger sind in Italien nur bis zu einer Breite von 70 cm erlaubt. Unser Chariot Cabriolet ist auf jeden Fall breiter. Wir, meine Frau Katja, Tochter Anika und ich, hoffen, dass es niemand so genau nehmen wird.

In Neapel angekommen, begrüßt uns die Sonne. Mehrere Taxifahrer wollen wissen, wo wir herkommen und wohin wir wollen. Anika in ihrem Anhänger ist eine Attraktion.
Der Verkehr ist schnell und laut. Wir trauen uns zuerst nicht auf der Straße zu fahren. An einem Kreisel stehen wir ratlos. Wie kommen wir auf die andere Seite? Keine Lücke, alle fahren Stoßstange an Stoßstange. Wir schlängeln uns zwischen Autos, Bussen und Motorrollern zum Bahnhof. In der Touristen-Information bekommen wir keine brauchbaren Informationen und beschließen mit der Bahn an die Gargano-Küste zu fahren. In den Zug nach Termoli über Campobasso können wir unsere Fahrräder mitnehmen. Wir müssen jedoch umsteigen. Der Schaffner, ein älterer väterlicher Mann, hilft uns die Fahrräder samt Anhänger im Gepäckraum für Postsäcke zu verstauen. Anika schläft fast die ganze Zeit und auch wir erholen uns von der Strapaze. Als ich in Campobasso unser Zeug fast fertig ausgeladen habe, signalisiert uns der Schaffner, dass der Zug weiter nach Termoli fährt. Das soll mal einer verstehen, also, alles wieder rein. Die Zugstrecke führt über Berge und Täler und die Bahnhöfe werden immer kleiner. Nach einem anstrengenden, aber spannenden Tag kommen wir in Termoli, unserem Ziel an. Bis zum Campingplatz sind es nur wenige Kilometer.

Nach einem Tag Pause geht es weiter an die Garganoküste. Die Straße ist laut und rastlos. Erst nach 7 km finden wir in einem Feriendorf einen Platz zum Frühstücken. Es wirkt verlassen. Die einzigen Menschen hier scheinen die Bauarbeiter zu sein, die die Häuser wieder herrichten. Die Saison beginnt hier erst im Juli, jetzt haben wir Ende Mai. Die nächsten 40 km sind schnurgerade und verkehrsreich. Schatten gibt es nur unter den Bäumen in der unzugänglichen Macchia. Erst nach der Abfahrt von der Nationalstraße wird es ruhiger. Noch 9 km bis zum nächsten Campingplatz.

Hinter uns liegen fast 60 km, als wir in Marina di Lésina vor den geschlossenen Toren des Campingplatzes stehen! Wir fahren weiter, durch das verlassene Feriendorf, einen Wald, bis der Weg an einem wunderschönen, breiten Sandstrand endet. Wir beschließen in den mit Wacholdersträuchern bewachsenen Dünen zu zelten. Das Meer ist 50 m entfernt und ersetzt die Duschen. Unseren Trinkwasservorrat füllen wir in einer Bar wieder auf und kochen Spaghetti in Meerwasser. Etwas salzig, aber lecker.

Zwei Tage genießen wir den Strand, die Sonne und das Meer, baden und faulenzen. Es ist schön hier und sehr ruhig. Aus herumliegendem Treibholz, Schnüren und einer Zeltplane baue ich einen Sonnenschutz für uns Bleichgesichter. Eidechsen sonnen sich am Straßenrand und eine Schlange flüchtet ins Gebüsch. Die Weizenfelder rauschen im Wind. Ab und zu hören wir den Dieselmotor einer Bewässerungspumpe.

Torre Mileto, die ersten Touristen sind in Sicht. Auf der Isola di Varáno hat ein kleiner, schattiger Campingplatz geöffnet. Anika ist sofort hinter den beiden Zeltplatzhunden her. Es sind erst wenige Gäste da. Dass die Platzbetreiber nur italienisch sprechen, betrachten wir als eine gute Gelegenheit ein paar Worte zu lernen.

Nach drei Tagen brechen wir auf in Richtung Rodi Garganico. Auf der ersten ernsthaften Steigung merke ich zum ersten Mal, was ich hinter mir herziehe. Trotz der erst zehn zurückgelegten Kilometer bleiben wir spontan auf einem kleinen Campingplatz unter Olivenbäumen. Von der Terrasse hat man einem schönen Ausblick auf einen Zitrusgarten, von wo ein steiler Weg zum Strand führt. Mittags braten wir in der Pfanne des Spirituskochers ein paar Brote in Olivenöl und belegen sie mit Tomaten. Köstlich. Später lassen wir auf der Terassenkante die Füße baumeln, genießen den Duft der Zitronen und beobachten den schönsten Sonnenuntergang.

Am nächsten Tag brechen wir früh auf. Ein Carabiniere bewundert unseren Anhänger. Nach einigen Kilometern wird es wieder bergig. Für die Anstrengungen werden wir mit einer schönen Aussicht auf unser nächstes Ziel Peschici belohnt.

Auf dem Campingplatz sehen wir den ersten anderen Kinder-Anhänger, seit wir in Italien sind. Er gehört einer Schweizer Familie. Sie benutzen ihn nicht oft aufgrund der Hitze und sind lieber mit ihrem VW Bus unterwegs. Obwohl der Strand hier schön ist, fühlen wir uns auf dem Platz voller Wohnmobile nicht wohl. Wir wollten keinen Badeurlaub, wir wollten eine fremde Kultur entdecken und etwas Italienisch lernen. Hier spricht man überall deutsch. Wir packen unser "Wohnmobil" zusammen und brechen auf zu unserer nächsten Bergetappe. Anika vergnügt sich im Anhänger, während ich in die Pedale trete. Auf einer Landzunge stehen idyllisch und einsam ein paar Wohnmobile und Zelte. Da wollen wir hin. An der Rezeption werden wir freundlich begrüßt. Alessandro fährt uns, wie in einem amerikanischen Film, mit einem Elektromobil über das Gelände und zeigt uns schattige Plätze. Wir fühlen uns wie in einer anderen Welt und es tut gut, sich einmal ohne Muskelkraft zu bewegen. Der große und gepflegte Platz ist nur wenige Schritte vom Strand entfernt. Wir trinken Cappuccino während Anika planscht. Hier wird alles für die Bequemlichkeit getan. Wer Action braucht, macht Wassergymnastik, einen Tanzkurs oder Karaoke, mietet sich ein MTB oder surft. Jedem, was er braucht.

Nach drei Tagen brechen wir wieder auf in die Berge. Der Anhänger scheint schwerer geworden zu sein. An einem Aussichtspunkt begeistert sich eine Frau für unsere "Bimba" im Anhänger. In Italien scheinen Kinder für die Menschen noch etwas Besonderes zu sein. Die Landschaft ist wilder als an der Nordküste und die Wälder reichen bis an den Strand. Die seichten Sandstrände weichen einer bizarren Steilküste. Es tauchen Buchten mit smaragdgrünem Wasser auf. Darin zerklüftete Felsbrücken und eine sehenswerte Meeresgrotte nach der anderen. Für ein paar Tage bleiben wir in einer kleinen Bucht und genießen die Brandung am Kiesstrand.

Die Weiterfahrt geht nur schwer voran. Der kühlende Maestralle-Wind fehlt. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass es inzwischen Mitte Juni ist. Nach einer großen Anstrengung erreichen wir Torre de Aglio, den Knoblauchturm. Es ist die schönste Aussicht der gesamten Garganoküste. Die Luft ist glasklar. An diesem Platz könnte ich ewig bleiben.
Wieder zurück auf der Hauptstraße donnern LKWs und Busse an uns vorbei. Die nächsten 14 km vergehen wie im Flug.

Es ist später Nachmittag. Die Sonne glänzt über dem Wasser der flachen, mit Olivenbäumen bewachsenen Bucht Mattinatellas. Am Straßenrand pflücken wir Feigen. Die nächsten zwei Tage genießen wir einen Zeltplatz mit Meeresblick. Es sind viele Familien hier. Anika fühlt sich wohl. Für uns ist sie ein Stimmungs-Barometer. Es hat sich immer bestätigt: Wo sie sich wohl fühlt, gibt es freundliche Menschen. Es ist ein einfacher Platz. Im Restaurant bestellt man auf Italienisch und geduscht wird kalt unter freiem Himmel.

Als wir am frühen Morgen aufbrechen ist es schon sehr heiß und wir nutzen noch einmal die Vorzüge der kalten Freilanddusche. Den höchsten Punkt erreichen wir schneller als wir dachten, jetzt geht es nur noch bergab. Ich fahre langsamer als gewöhnlich denn ein paar Tage vorher sah ich im Traum meine Bremsen versagen. Auf einmal wird meine Lenkung schwammig und innerhalb von Sekunden entweicht die Luft vollständig aus dem Vorderreifen. Der Schlauch hat einen halben cm langen Riss. Ich wechsle den Schlauch, aber schon nach zehn Metern entweicht die Luft wieder. Hier verklebe ich den letzten Flicken, doch nach dem Einbau ist der Reifen wieder platt. Jetzt hilft nur noch schieben. Katja übernimmt den Anhänger.

In Mattinata machen vorwiegend italienische Touristen Urlaub. Es ist noch nicht viel los. Am liebsten würde ich weiter nach Monte S. Angelo fahren, wo es schon seit dem frühesten Mittelalter Pilger hinzieht. Eine Grottenkirche, die schon zu heidnischen Zeiten verehrt wurde, ist die Hauptattraktion. Und Padre Pio, der an zwei Orten gleichzeitig gesichtet worden sein soll, ist hier die Kultfigur. Es gibt kaum ein Geschäft, in dem nicht sein Bild hängt und kaum ein Auto, an dem nicht ein Aufkleber mit seinem Porträt klebt. Am Abend gehen wir die drei Kilometer zu Fuß in die kleine Stadt. Alles ist einfach und ursprünglich. Die ganze Stadt ist auf den Beinen, einige Kinder sind verkleidet. Man steht herum, unterhält sich und selbst in der Pizzeria isst man die Pizza mit den Fingern.
Den letzten Berg sparen wir uns und beschließen weiter mit dem Bus nach Neapel zu reisen. Vorher flicke ich noch den Schlauch, in dem die Luft erst nach dem dritten Flickversuch bleibt. So etwas ist mir noch nie passiert. Es ist so, als wollten uns die Berge nicht hergeben. "Wenn die Fischer nicht aufs Meer fahren können, flicken sie ihre Netze". Also bleiben wir noch einen Tag hier und ruhen uns aus.

Die Räder, den Anhänger und das Gepäck im Kofferraum des Busses zu verstauen ist kein Problem. Für 5 Mark pro Person und 1,50 pro Fahrrad verlassen wir anstrengungslos Mattinata zu "Ambient"-Klängen eines Mitreisenden. Bäume und Berge huschen an uns vorbei. In Foggia steigen wir um nach Neapel und stehen zwei Stunden später am Piazza Garibaldi. Mit einem Stadtplan stürzen wir uns in den Abendverkehr. Im Hafen, wo es etwas ruhiger ist, legen wir eine Beratungspause ein und beschließen in das benachbarte Pozzuoli zu fahren. Laut Auskunft eine dreiviertel Stunde entfernt. Der Verkehr reißt uns wie eine Welle mit. Ampeln sind hier völlig überflüssig denn man fährt, wenn Platz ist. Wie immer sind alle sehr rücksichtsvoll. Teilweise haben wir eine ganze Spur für uns alleine oder teilen sie uns mit unzähligen Motorrollern. Ganze Familien mit bis zu vier Personen finden darauf Platz. Für uns sehr fremd und exotisch. Umgekehrt ruft unsere kleine Karawane nicht weniger Aufsehen hervor. Staunende und freundliche Gesichter schauen durch offene Autofenster. Motorroller umschwärmen uns. Wir rasen im Rausch. Einige Tage mit dem Rad durch Neapel und wir können als Fahrradkuriere in New York anfangen. Die dreiviertel Stunde ist längst vorüber und Adrenalin und Endorphine beherrschen unsere Körper. Von einem Aussichtspunkt werfen wir einen Blick zurück auf Neapel. Die tief stehende Sonne färbt den Vesuv rot. Vor uns die Inseln Ischia und Procida.
Pozzuoli erreichen wir nach über 30 km und 2 Stunden Fahrzeit. Der Campingplatz liegt in einem grünen Krater. Nebenan zischt es und riecht nach Schwefel. Schon die Römer nutzten diesen Krater zu Heilzwecken. In den Fangaia brodelt ein 170 bis 250°C heißer Schlamm dessen Schwefeldämpfe eingeatmet oder zur Beheizung von Schwitzkammern genutzt wurden. Zwei davon zeugen noch heute von einem regen Kurbetrieb der vergangenen Zeiten. Der Vulcano Solfatara wird für die ganze Woche unser Zuhause und Ausgangspunkt zur genaueren Erkundung Neapels und der Umgebung.

Ca. alle 10 Minuten quetscht sich ein Bus in die enge Innenstadt von Neapel. Die Häuser hier sind alt und brüchig und überall flattert Wäsche im Wind zum Trocknen. In jeder, der mit Madonnen und Kreuzen geschmückten Straßen werden andere Waren angeboten. Anika ist über die lebendigen Krebse an einem Fischstand entzückt. Mit einer riesigen Pizza, für umgerechnet 2 Mark wappnen wir uns für den Fußweg durch die Gassen der Altstadt. Wir sind fasziniert von dieser morbiden lebendigen Stadt, deren Herz so schnell pulsiert wie meines nach zehn Tassen Espresso. Selbst in den nobleren Gegenden ist nichts so rausgeputzt wie bei uns. Neben Armani-Anzügen im Schaufenster fällt der Putz von der Fassade und überall reden die Menschen gestikulierend und laut miteinander.
Pozzuoli und Umgebung erkunde ich alleine mit dem Fahrrad. In der Stadt befindet sich das Flavische Amphitheater, in dem man die unterirdische Gladiatoren- und Raubtiergänge noch sehr gut erkennen kann, und der Serapis-Tempel nicht weit des Hafens. Am Lago Averno, einem Kratersee, der bei den Griechen der Eingang zur Unterwelt war, komme ich zur Ruhe und schreibe Karten.

Noch ein letztes Mal Neapel, eine auf dem Spirituskocher selbstgebackene Pizza, einen geflickten Reifen und es geht am nächsten Morgen wieder zurück nach Hause.
Hinter uns liegen vier erlebnisreiche Wochen. In Deutschland regnet es. Den Weg vom Flughafen nach Hause legen wir mit den Rädern zurück. Anika vermutet hier ein neues "Urlaubszuhause" und freut sich um so mehr, als sie entdeckt, dass wir wirklich zu Hause sind.

Waldemar Piontek

Die in diesem Text erwähnten Chariots sind nicht mehr erhältlich. Für unser aktuelles Modellangebot klicken Sie hier.